„Hoch lebe der Schwarzwald!“

Seit fünf Jahren ist Christoph Oldenkotte Kulturamtsleiter in Altensteig. Bevor er hier sesshaft wurde, hat er einige große Städte in Deutschland kennengelernt – und weiß die Schönheit und die Vorzüge der Region umso mehr zu schätzen.

Red.:

Fangen wir kurz und knackig an: Das Beste an Altensteig in einem Satz?

Christoph Oldenkotte:

Es ist authentisch.

Red.:

Ah, ja, verstehe. Geht’s doch noch etwas konkreter?

Christoph Oldenkotte:

Egal ob die Region oder speziell Altensteig – es ist sehr ehrlich. Größere Städte oder touristische Zentren bekommen eine geschliffene, zum Teil austauschbare Oberfläche. Dagegen ist das hier individuell. Egal ob im Naturerlebnis, in kulturellen Angeboten, in Architektur oder Traditionen: Es hat Geschichte, die kann man sehen und spüren. Ich finde, darauf kann man stolz sein.

Red.:

Wie lange wohnen Sie selbst schon hier?

Christoph Oldenkotte:

Ich wohne seit fünf Jahren mit meiner Familie in Altensteig. Wir haben davor in verschiedenen großen Städten gewohnt. Und wenn man dann mit der Großstadtbrille wieder in eine ländlichere Region kommt, dann fällt einem das vielleicht stärker ins Auge: Wir kaufen unser Mehl beim Müller. Wir machen unseren Apfelsaft selber. Die Kinder erforschen die Wälder. Das mögen Kleinigkeiten sein, aber das ist großes Kino.

Red.:

Haben Sie Vergleichspunkte zu früheren Wohnorten?

Christoph Oldenkotte:

Bevor wir nach Altensteig gezogen sind, waren wir in Karlsruhe, Frankfurt, Berlin, Freiburg, München. Aufgewachsen bin ich in Oberschwaben, also auch auf dem Land. Neulich war ich für ein langes Wochenende in Berlin. Die Stadt absorbiert einen durch Überforderung. Das ist wahnsinnig anregend und aufregend. Ich mag das. Aber am dritten Tag habe ich das Gefühl, dass man in diesem Hamsterrad Großstadt etwas nachrennt, von dem man gar nicht genau weiß, was es ist. Also: Breite Brust in der Provinz! Hoch lebe der Schwarzwald!

Red.:

Die Jahreszeiten sind ja für die Region hier sehr prägend. Was bedeutet das für die Veranstaltungen hier?

Christoph Oldenkotte:

Ich persönlich bin ein Freund unserer mitteleuropäischen Jahreszeiten. Ich finde, jedes Quartal hat seinen besonderen Reiz, das frische Grün in den riesigen Wäldern im Frühling. Die großen Freizeitangebote in der Natur im Sommer. Der bunte Herbst und der heimelige Winter. Ein „Winter-Muss“ in Altensteig ist das traditionelle Fackeln an Heilig Abend. Als Muss im Sommer – aber trotzdem immer noch als Geheimtipp – würde ich die großen Freilicht-Bürger-Theater-Produktionen im Festspielhaus in Simmersfeld nennen. Die Freilichtbühne mit dem Blick über das Köllbachtal ist sensationell.

Red.:

Dann besuchen Sie offenbar regelmäßig kulturelle Events im Nordschwarzwald?

Christoph Oldenkotte:

Berufsbedingt natürlich ja. Allein in Altensteig haben wir eine immense Fülle und vor allem auch ein erstaunliches Niveau, sei es mit eigenen Gruppen wie auch bei den Gastspielen. Dass ein Dieter Ilg oder ein Wolfgang Dauner – um nur mal zwei Namen zu nennen – für ein Konzert nach Altensteig im Schwarzwald kommen, hat natürlich damit zu tun, dass dieses kulturelle Profil über Jahrzehnte hier gewachsen ist und sich auch in der Szene schon einen Namen gemacht hat.

Red.:

Nun ja, zu dieser Entwicklung haben Sie ja selbst auch einiges beigetragen, darf man sagen. Bleibt da noch viel Zeit für weitere Veranstaltungen außerhalb Altensteigs?

Christoph Oldenkotte:

Leider relativ wenig. Mit dem Regionentheater ist in unmittelbarer Nachbarschaft ein Kleinod entstanden, wo ich schon versuche, mir die Premieren anzusehen. Und natürlich besuchen wir große Events in unseren Nachbarstädten. Udo und der Panikpreis in Calw sind Pflicht.

Red.:

Das hört sich doch nach richtigen Highlights an?

Christoph Oldenkotte:

Klar, ich finde sogar, es gibt überdurchschnittlich viele für eine solche Region. Ein Literaturnobelpreisträger, den die ganze Welt liest. Klostersommer, Rossini, Musiksommer Altensteig, Open-Air-Kinos an sagenhaften Spielorten und vieles mehr. Und dazu kommt ja, wie eingangs schon erwähnt, noch die historische und architektonische Komponente. Das Altensteiger Schloss stammt in seinen ältesten Teilen aus dem 13. Jahrhundert, die einzige unzerstörte Burganlage des Nordschwarzwalds, die gesamte Altensteiger Altstadt ist ein Postkartenmotiv. Im ältesten Haus, was heute noch eine Gassenwirtschaft ist, ging man schon ein und aus, da war die Erde noch eine Scheibe und Kolumbus noch nicht auf dem Weg nach Indien.

Red.:

Was wäre denn der Geheimtipp von Ihnen als Experte?

Christoph Oldenkotte:

In den Nischen gibt es natürlich viel zu entdecken. In Altensteig entstand in den letzten zwei Jahren eine Kunsthalle mit einem Schmiedemuseum. Das Festspielhaus in Simmersfeld habe ich bereits erwähnt. Was in diesem kleinen Ort aufgebaut wurde, ist wirklich toll. Man würde das dort nicht unbedingt vermuten. Wir machen hier in unserem Rathauscafé unter dem Namen „Stubenmusik“ eine monatliche Konzertreihe mit Singer-Songwritern. Die kennt man vielleicht nicht, aber etliche von ihnen haben das Potenzial, dass sie womöglich in ein paar Jahren jeder kennt. Da steht dann manchmal auf dem Tourplan: Berlin, Hamburg, Frankfurt, Zürich, Altensteig! Wenn man bereit ist, auch mal an Orte zu gehen, wo man nicht schon im Vorfeld weiß, was einen erwartet, dann gibt es hier viel zu entdecken. In allen Orten in der Region.

Red.:

Da darf man ja für die Zukunft noch einiges erwarten. Welche Events könnten Sie sich denn in der Region noch vorstellen, und wo?

Christoph Oldenkotte:

Ich könnte mir ein Projekt vorstellen, bei dem Natur und Kultur zusammenkommen. Dass besondere Orte in der Natur – von denen es hier ja jede Menge gibt – zusätzlich künstlerisch in Szene gesetzt werden. Stellen Sie sich große Installationen, Skulpturen vor etwa auf einem Aussichtspunkt, dazu eine reizvolle Rundwanderung, ein stimmiges gastronomisches Angebot. Dann könnte man evtl. alle fünf Jahre die Gestaltung dieser Punkte neu ausschreiben, gewinnt vielleicht sogar namhafte Künstler für eine Arbeit, es können weitere Punkte hinzukommen. Ich denke, das würde Aufsehen erregen.

Red.:

Das hört sich spannend und visionär an! Da ist ja offensichtlich viel geboten, von dem so mancher Kulturinteressierte noch nicht weiß.

Christoph Oldenkotte:

Definitiv. Und wie gesagt: Es ist authentisch.

Red.:

Herr Oldenkotte, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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