Die Schwarzwald-Surfer von Altensteig

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Kultur

Flößerei im Schwarzwald hautnah erleben

Karoline Kohl

Autor: Karoline Kohl

25. Juni 2021

An der Monhardter Wasserstube

Mit Getöse rauscht das Wasser der angestauten Nagold durch das Wehr der Monhardter Wasserstube. „Jockele sperr“ erschallt kurz darauf der Ruf der Flößer, die das Floß aus Schwarzwaldtannen durch das Stauwerk steuern.

Gebaut wurde diese historische Staustufe nach Originalplänen aus dem Jahr 1894. Sie ist das Denkmal gewordene Zeugnis des regen Holzhandels und Holztransports im Nördlichen Schwarzwald, dessen Tradition immerhin über 250 Jahre währte. Das urige Floß ist 60 Meter lang und besteht aus miteinander verbundenen, mächtigen Tannenstämmen.

Gesteuert wird es von neun Männern der Flößerzunft, traditionell in weißen Hemden, Hirschlederhosen und schwarzen Filzhüten gekleidet. Gischt spritzt um ihre Stiefel, während sie geschickt auf den Tannenstämmen balancieren. Mit Muskelkraft und hölzernen Stangen manövrieren sie das Floß und surfen auf den Wellen der Nagold.

Internationales Flößerfest

Das internationale Flößerfest in Altensteig, das alle zwei Jahre gefeiert wird, ist eine Zeitreise in die Vergangenheit. Waschechte Flößer erzählen die Anekdoten ihrer Vorfahren und berichten von der oft lebensgefährlichen Fahrt auf dem Floß. Ein Schmid fertigt aus glühendem Stahl Flößerhaken, kräftige Männer ziehen mit Seilen den „Rammbär“ nach oben, der mit aller Wucht Pfähle in den Boden schlägt, andere heizen den Bähofen mit Schamottsteinen, in dem Tannenholz unter Hitze zu Ringen gebogen wird. Wie findig die Schwarzwälder waren, demonstriert das „Wiedendrehen“, bei dem aus Bäumen Seile gedreht wurden, um die Flöße zu verbinden.

Zum Fest wird die Staustufe geöffnet und die urig gekleideten Flößer manövrieren ihre selbstgebauten traditionellen Flöße durch die „Wassergasse“ der Wasserstube. Ein toller Anblick! Neben diesem Schauspiel gibt das Flößerfest auch einen spannenden Einblick in die Vergangenheit alter Waldberufe und Handwerkskünste. In verschiedenen Demonstrationen zeigt die, seit 30 Jahren pflegende Zunft, was es damals hieß, das Holz zu verarbeiten und mit Flößen bis nach Holland zu bringen.

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Fasziniert von der Flößerei - Interview mit Martin Spreng, Vorstand der Flößerzunft Oberes Nagoldtal

Wenn das mal keine prägende Kindheitserinnerung ist…? Aufgewachsen in Pforzheim, erblickte der noch ganz junge Martin Spreng in einer Kneipe in der Vorstadt das Bild eines Flößers. Das war der Impuls für eine Leidenschaft, die erst viel später so richtig geweckt wurde, die aber heute aktiv dazu beiträgt, eine jahrhundertealte Tradition zu pflegen und lebendig zu halten.

RED.: Sie halten uns nicht für unverschämt wenn wir feststellen, dass Ihre Kindertage schon eine ganze Zeit zurückliegen…

MS: (lacht) Nein, kein Problem. In der Tat bin ich – was die Flößer-Tradition betrifft – als Spätberufener zu sehen.

RED.: Die erste „direkte“ Begegnung, so haben wir uns sagen lassen, war ein Gemälde in einer Gaststätte in Ihrer Heimatstadt Pforzheim.

MS: Ja, das hat mich einfach beeindruckt. So richtig aktiv geworden bin ich aber erst sehr viel später.

RED.: Und was war da der auslösende Moment?

MS: Es war eigentlich eher zufällig. 1993 hatte ich mich in Altensteig nach einem Haus umgeschaut. Der Hausverkäufer hatte dann irgendwie den Begriff „Flößer“ fallen lassen. Da bin ich gleich hellhörig geworden.

RED.: Und so entstand dann der Kontakt zur „Flößerzunft Oberes Nagoldtal“, die ja schließlich auch in Altensteig gegründet wurde?

MS: Genau. Aber zuerst war ich da noch relativ zurückhaltend und hatte gleich signalisiert: Ein Amt kann ich nicht übernehmen.

RED.: Nun ja, dieses Ansinnen hatte ja nicht sehr lange Bestand…

MS: (lacht) Nein, da haben Sie Recht. Heute bin ich nicht nur Vorstand der „Flößerzunft Oberes Nagoldtal“, sondern auch Vorsitzender der „Deutschen Flößerei Vereinigung“.

RED.: Das hört sich ja spannend an. Gibt’s denn in anderen Ländern große Unterschiede zum Flößen in Deutschland?

MS: Ja, allerdings. Es hängt doch stark vom Fluss und der Topografie ab. Auch innerhalb Deutschlands gibt’s da enorme Unterschiede. Das Flößen im Schwarzwald ähnelt zum Beispiel stark dem in Japan.

RED.: Ein hier in der Region bekannter Ausruf ist ja das „Jockele sperr“. Könnten Sie das bitte erklären?

MS: Mit diesem Ruf wurde der Flößer auf dem letzten Gestör eines Floßes, das ja bis zu 300 Meter lang sein konnte, zum Bremsen aufgefordert. Besonders in Tübingen wurde der Spruch von den Studenten dazu genutzt, sich über die Flößer auf dem Neckar lustig zu machen. Das gab dann natürlich zuweilen auch recht handfeste Auseinandersetzungen, die Flößer waren ja raue, kräftige Kerle…

RED.: …die sich das von den Studenten natürlich nicht haben gefallen lassen. Aber ganz grundsätzlich ist das Bremsen mit einem Floß ja durchaus eine der heikelsten Aufgaben – und gar nicht ganz ungefährlich, nicht?

MS: Ja, man muss da schon sehr gut aufpassen, dass sich die Flöße nicht verkeilen oder Menschen dort sogar darunter oder dazwischen kommen. Deshalb gibt es bei uns hier leider auch keine öffentlichen Floßfahrten oder Ähnliches.

RED.: Trotzdem lassen Sie mit der Flößerzunft die Tradition ja immer wieder auf verschiedenste Weisen lebendig werden. Wie kann man sich die Tätigkeit eines solchen Vereins vorstellen?

MS: Eigentlich sehr vielseitig. Wir möchten das Leben der Flößer erforschen und deren Tradition lebendig erhalten. Schließlich hat das Handwerk ja zu früheren Zeiten viele Menschen ernährt. Neben der Geschichte ist aber natürlich auch die Technik des Flößens sehr spannend. Beim Flößerfest, das alle zwei Jahre stattfindet, kann man das dann auch live erleben.

RED.: Wie und wo kann man denn, das Flößerfest einmal ausgeschlossen, sonst der Flößertradition näherkommen?

MS: Bei vielen historischen Festen, so zum Beispiel auch beim Festzug zum Canstatter Wasen, nehmen wir Teil. Zudem veranstalten wir regelmäßig Führungen, da kann jeder teilnehmen. Entweder in einer öffentlichen Führung oder gerne auch nach Anmeldung. Für kleinere Gruppen wie zum Beispiel Pfadfinder veranstalten wir auch 3-Tages-Kurse, da wird dann ein eigenes kleines Floß gebaut und gefahren. Unsere Gäste kommen aus dem In- und Ausland. Sogar die Niederländische Botschafterin hatten wir mal zu Gast.

RED.: Das passt ja ganz gut, nicht?

MS: Allerdings, schließlich war Holland ja früher der größte Abnehmer für das heimische Holz – der Bahnhof von Amsterdam beispielsweise steht auf 2.600 Schwarzwaldtannen.

RED.: Immer noch? Müssen die nicht mal nach so vielen Jahren – oder Jahrhunderten – ersetzt werden?

MS: Nein, eigentlich nicht. Die Stämme müssen nur tief genug im Wasser stehen, dann faulen sie nicht. Heute würde man wohl sagen: echte Schwarzwald- Qualität!

RED.: Herr Spreng, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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