Die 11-jährige Jule hat ein besonderes Verhältnis zu Schafen

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Brauchtum & Tradition

Zwischen Schafen, Brauchtum und Moderne – der Schäfer des 21. Jahrhunderts

Leonie Peichl

Autor: Leonie Peichl

4. April 2022

Jule ist 11 Jahre alt und schon ein echter Schäfer-Profi. Sie kennt alle Abläufe auf dem Hof und ist Feuer und Flamme direkt mitanzupacken, wenn es etwas zu tun gibt, oder sie etwas Neues lernen kann. Kein Wunder eigentlich, denn sie ist zwischen den Schäfchen quasi groß geworden und bekommt das Leben als Schäfer von klein auf mit.

Jules eigenes Schaf, das sie mit der Flasche großgezogen hat, ist sogar handzahm und lässt sich von ihr am Halfter herumführen, streicheln und kuscheln. Auch der Hütehund gehorcht Jule aufs Wort.

Schäfer Karl Bauer ist stolz auf seine Tochter, die vielleicht mal in seine Fußstapfen als Stadtschäfer von Wildberg treten wird. Sie wäre somit sogar die erste Stadtschäferin in der Geschichte Wildbergs!

Die Tradition des Schäferdaseins ist Familiengeschichte. Seit 8 Generationen wird der Schafhof im Kengel von Familie Bauer geführt, auch wenn sich das Handwerk natürlich grundlegend verändert hat. Der Stammbaum der Familie lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen, denn einer seiner Vorfahren, hat schon als Klosterschäfer gearbeitet und in Wildberg im Sommer über tausend Schafe von kleineren Bauern der Region gehütet.

Heutzutage ist das Schäferdasein ein anderes. Noch Karl Bauers Vater hat seine Herde jeden Tag von der Weide durch die Stadt bis zurück in den Stall getrieben, das ist zur heutigen Zeit auch mit den zwei eigens ausgebildeten Hütehunden nicht mehr möglich. In der Regel sind nun sogar Straßensperren nötig, um die Schafe durch die Stadt treiben zu können.

Karl Bauer verfügt über insgesamt 850 Mutterschafe, die in zwei verschiedenen Herden gehalten werden. Zwei Mal im Jahr werden die Weiden getauscht und vier Monate (über den Winter) verbringen die Schafe im Stall. Zu dieser Zeit – zwischen Januar und März – werden auch die kleinen Lämmer geboren. Besonders in dieser Zeit ist der Job des Schäfers ein 24/7 Auftrag, aber auch das restliche Jahr ist sehr arbeitsintensiv. Karl Bauer kann sich trotzdem nichts anderes vorstellen, denn das Schäferdasein ist trotz der Anstrengung für ihn mehr als nur ein Beruf. Durch die Familien Tradition fühlt er sich mit dem Handwerk verbunden und liebt die Arbeit mit den Tieren und an der frischen Luft.

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Die Schäferkultur in Wildberg gehört zum immateriellen UNESCO Weltkulturerbe, das in Veranstaltungen wie dem Schäferlauf, Leistungshüten oder Wettschären zelebriert wird. Die Schafe für das Wildberger Wetthüten entstammen auch Karl Bauers Herde, er separiert zur Vorbereitung darauf schon einige Wochen früher einen kleineren Teil der Herde, dass sich die Schafe an die neue Dynamik gewöhnen können. Er selbst nimmt allerdings nicht mehr am wetthüten teil – das überlässt er Andern.

Abschließend kommen hier noch ein paar Fakten über Schafe, die ihr garantiert noch nicht kanntet:

Leitschafe – also die Schafe, die die Herde anführen – werden nicht dazu erzogen, sondern haben das Leit-GEN sozusagen im Blut. geboren. Schon kurz nach der Geburt lässt sich der aufgeschlossenere und neugierigere Charakter dieser Schafe von den anderen unterscheiden. Es ist daher sehr wichtig für den Schäfer früh das Vertrauen der Leitschafe zu gewinnen, um die ganze Herde besser unter Kontrolle zu bekommen.

Jedes Schaf hat seinen eigenen Platz im Stall, auf den es immer wieder zurückkehrt, daher sind auch alle Schafe immer in den gleichen Grüppchen unterwegs und haben die gleichen Stall Nachbarn.

Schafe sind sehr soziale Tiere – sie bauen Freundschaften auf und empfinden Trauer, wenn eines der anderen Tiere stirbt.

Schafe können mit ihren Hufen „riechen“, zwischen ihren Hufen haben sie eine extra Geruchsdrüse.

Allein in Deutschland leben ungefähr 1 Millionen Schafe!