Wälder, Klimawandel und Tourismus – eine Insiderperspektive

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Outdoor & Nachhaltigkeit

Im Gespräch mit Inge Hormel

Leonie Peichl

Autor: Leonie Peichl

26. Januar 2022

Können Sie sich für unsere Leser kurz vorstellen, welche Aufgabe haben Sie in der Region?

Mein Name ist Inge Hormel, ich bin seit Mai 2021 als stellvertretende Abteilungsleiterin in der Abteilung Forstbetrieb und Jagd im Landratsamt Calw tätig. Gebürtig stamme ich aus Schramberg im mittleren Schwarzwald. Direkt am Wald als Tochter eines Sägewerks- und Waldbesitzers aufgewachsen, hat sich meine Liebe zu Wald und Holz schon früh entwickelt, weshalb ich mich auch zum Studium der Forstwissenschaften entschieden habe. Im Landkreis Calw obliegt mir die forsttechnische Betriebsleitung in 10 Kommunalwäldern. Daneben bin ich für forstpolitische Belange – hierzu zählen u.a. die Genehmigung von Veranstaltungen, Ausgleichsmaßnahmen im Wald, Waldumwandlungsverfahren – die Privatwaldberatung, Waldpädagogik und den Waldnaturschutz zuständig.

Wo können Sie sich in Zukunft Synergien zwischen Forst und Tourismus vorstellen? 

Im Landkreis Calw ist der Wald in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen wesentliche Grundlage für die hohe Attraktivität  als Tourismusregion. Daher sollten Kommunen, Tourismusverbände, Waldbesitzer und Forstwirtschaft – wie bisher schon geschehen – in enger Abstimmung weiter konzeptionell zusammenarbeiten, um die touristische Attraktivität unserer Region zu erhalten und auszubauen – ohne dabei unser wertvollstes Gut – die Natur/den Wald – zu überlasten.  Regelmäßiger Dialog und Austausch sind dabei unerlässlich, um für unterschiedliche Interessen und ggfs. Konflikte zu sensibilisieren und die Interessen der Region, der Waldbesitzer und Waldbewohner in einem breiten Konsens zusammenzubringen. Die Aufgabe der Forstwirtschaft sehe ich darin, den Wald und dessen Infrastruktur zu pflegen, zu erhalten und darauf zu hinzuwirken, besonders sensible und ökologisch hochwertige Bereiche von einer intensiven touristischen Nutzung möglichst frei zu halten.

Wie verträglich ist Tourismus und Natur in Ihren Augen? Was könnte verbessert werden?

Viele Tourismus – und Freizeitaktivitäten wie spazieren gehen, wandern oder Rad fahren spielen sich im Wald ab. Früher ging man v.a. zum Wandern in den Wald, heute ist der Wald durch erweiterte Freizeitangebote und die Verbindung von Erholung mit sportlichen Zielen ein Erholungs-, Freizeit- und Erlebnisort. Dies hat zu einer qualitativen Änderungen der Erholungsnutzung als auch zu einem deutlichen Anstieg der Waldbesucher geführt. So erfreulich das gestiegene Interesse an Waldbesuchen ist, so sind mit steigenden Besucherzahlen und unterschiedlichsten Freizeitnutzungen Störungen sensibler Lebensgemeinschaften, Beunruhigungen der Wildtiere oder auch Schäden an der Vegetation, am Waldbestand und an Waldwegen nicht auszuschließen.

Die Naturverträglichkeit sehe ich dort gefährdet, wo der Wald/die Natur zur reinen „Kulisse verkommt“ oder auf kleiner Fläche große Besuchermassen angezogen werden. Bei touristischen Angeboten, bei denen das Interesse an und der Aufenthalt in der Natur im Vordergrund stehen, sehe ich dagegen ein deutlich geringeres Konfliktpotential.

Verbesserungen können durch die gezielte Lenkung von Besucherströmen, die Ausweisung von abgestimmten Touren oder die Schaffung von Tourismusschwerpunkten zur Entlastung  sensibler und ökologisch hochwertige Bereiche erzielt werden, ebenso durch Information und Öffentlichkeitsarbeit.

 

Unsere wichtigste Grundlage für den Tourismus ist die Natur, vor allem unser (Schwarz-)Wald. Gerade hier zeigt sich auch in den letzten Jahren der Klimawandel besonders stark. Wie würden Sie den aktuellen Zustand der Wälder beschreiben? 

Der Zustand unserer Wälder ist besorgniserregend. Vor Kurzem wurde in Baden-Württemberg der aktuelle sogenannte Waldzustandsbericht veröffentlicht. Hier zeigt sich, dass in der Zwischenzeit alle Baumarten erheblich unter den Folgen des Klimawandels leiden: Buchen , Eichen und Eschen ebenso wie Fichten, Tannen und Kiefern. Im Landkreis Calw sind die Schäden im Wald im Vergleich zu anderen Regionen in Baden-Württembergs relativ gesehen „gering“, aber auch bei uns leiden die Wälder –  in den Gäulandschaften unseres Kreises (wärmer, trockener) stärker als im „tiefen Schwarzwald“. Im Jahr 2021 hat sich der Wald durch die feuchtere und kühlere Witterung leicht erholt, von einer Entwarnung kann allerdings keine Rede sein. Erschreckend dabei finde ich, dass mit Buchen und Tannen Baumarten von den Schäden betroffen sind, die seit der letzten Eiszeit die natürliche Waldgesellschaft in unserer Region bilden.

Und welche Maßnahmen, lang- und kurzfristig, ergreift der Forst in der Region Nördlicher Schwarzwald, um den Klimawandel zu begegnen? 

Die Vorhersagen über die Ausmaße des Klimawandels sind mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Es ist jedoch davon auszugehen, dass wir mit höheren Durchschnittstemperaturen, mehr Hitzetagen und weniger bzw. im Jahresverlauf anders verteilten Niederschlägen rechnen müssen. Wälder besitzen aufgrund ihrer Langlebigkeit ein sehr langsames Reaktionsvermögen.  Im Zentrum der forstlichen Arbeit steht das Bestreben, unsere Wälder so zu pflegen, dass sie  den Klimaprognosen begegnen und möglichst auch in Zukunft vielfältige Funktionen erfüllen können.  Wissenschaftler sind sich einig, dass baumartenreiche Mischbestände (hier wird das Risiko auf mehrere Standbeine verteilt) und gut bekronte Einzelbäume (eine große Krone steht für hohe Vitalität) den Herausforderungen des Klimawandels am ehesten trotzen können. Unsere forstlichen Maßnahmen sind daher verstärkt  darauf ausgerichtet, Mischbaumarten zu fördern und die Stabilität der Einzelbäume zu erhöhen.  Beides geschieht durch konsequente Pflegeeingriffe sowohl in jungen als auch alten Beständen. In Verjüngungen werden – ergänzend zu den sich natürlich ansamendem Bäumen – Baumarten, die bei uns bisher eher selten vorkommen und als klimatolerant und trockenresistent gelten, gepflanzt. Hierzu zählen z.B. Eiche, Berg- und Spitzahorn, Hainbuche, Winterlinge, Nussbäume, Flatterulme, Elsbeere, Kirsche, Hainbuche  oder auch die Douglasie.

Was würden Sie sich von Gästen, Wanderern, Radfahrern, etc., die in der Region unterwegs sind, wünschen?

Ich wünsche mir von Wald- und Naturbesuchern ein Interesse am Wald und der Natur,  Rücksicht auf diese und ein bisschen Ehrfurcht vor der Schöpfung. Darüber hinaus bedarf es Sensibilität und Verständnis, dass das eigene Bedürfnis, aus Rücksicht auf andere Waldbesucher und die Natur, nicht zu 100% erfüllt werden kann.

Wir sind ausgezeichnet als nachhaltiges Reiseziel, d.h. interessierte Gäste könnten auch Angebote wie z.B. Mithilfe bei der Aufforstung etc. interessieren – könnten Sie sich vorstellen, dass es, ähnlich der Müllsammelaktionen in der Region, andere Beteiligungsmöglichkeiten für Bürger und Gäste geben könnte? 

Warum nicht?! Es gibt vielerorts bereits Aktionen von Kommunen, Vereinen,  Verbänden, Schulen etc.,  bei denen sich Personengruppen an Baumpflanzungen beteiligen. Diese bedürfen allerdings intensiver Vorbereitung und Abstimmung. Um einen Anwuchserfolg zu garantieren, können Bäume im Wald nur in einem engen Zeitfenster im Jahr gepflanzt werden, ebenso ist richtiges Werkzeug und Know-how beim Pflanzvorgang erforderlich.